Rede von Klaus Rohrmoser: Das Recht sich nicht alles anzuhören

Odysseus hat es einfach getan. Er hat sich an den Mast seines Schiffes binden und sich die Ohren mit Wachs verstopfen lassen. Er wollte nicht, dass ihn die Sirenen mit ihrem verführerischen Gesang in den Abgrund locken. Dieser, sein Wunsch, müsste schon seit immer in den Menschenrechten verankert sein. Das Recht nicht alles hören zu müssen. Das Recht nicht hinhören zu müssen. Wer kann mir das Recht absprechen, es Odysseus ähnlich zu tun und mich von ein paar guten Freunden hier an die Annasäule ketten und mir die Ohren verstopfen zu lassen, um angesichts all dessen was sie mich in letzter Zeit täglich zu hören zwingen, nicht zu einer schäumenden Bestie zu werden, andere und mich selbst gefährdend in meiner Wut gegen den Unrat, der stündlich, täglich, minütlich, sekündlich ausgekotzt wird aus den dümmsten aller dummen Münder, herausgelogen aus den unmenschlichsten aller unmenschlichen Gehirne – diese ganze populistische Drecklawine, die man uns ununterbrochen zu hören zwingt – diese dickflüssige Unflatslawine gegen die jene von Galtür eine weiße, eine unschuldige war – diese unflätige Flut die weit mehr tötet als jene, eine die nicht nur erstickt, eine die ertrinken und verhungern lässt. Ich nehme mir das Recht nicht weiter hinhören zu wollen. Ich nehme mir dazu noch das Recht nicht hinschauen zu wollen auf diese stupiden Gesichter und stupiden Phrasen die mich von den Wahlplakaten angrinsen, immer die gleichen, seit ich denken kann. Schon vor 55 Jahren als Schüler der ersten Klasse des Akademischen Gymnasiums, in bitterer Winterkälte auf den Bus der Linie C wartend, gleich 55 Schritte da unten vor der Buchhandlung Tyrolia, bei gefühlten Minus 55 Grad erinnere ich diesen Zwang, mit rotgefrorener Nase Wahlplakate anschauen zu müssen, diese ewig blöden Sätze lesen zu müssen. Eigentlich genügt das Anketten nicht, das Wachs für die Ohren ist auch zu wenig, Odysseus reicht nicht mehr. Ödipus, der selber sich geblendet hat, muss her. Blind und taub ist der einzige Zustand in dem das alles zu ertragen wäre. Bindet mich, blendet mich und stopft mir meine Ohren zu. Ödipus ist mein naher Verwandter, Odysseus ein Glücklicher verglichen mit mir. Er verstopfte seine Ohren um am Lustgesang der Sirenen nicht verrückt zu werden, ich verstopfe sie mir, um nicht zu verzweifeln, nicht verrückt zu werden am zynischen, verlogenen Geschwafel derer, die schon längst des Tempels, den sie nie hätten betreten dürfen, verwiesen gehören. Stop! Alles Fake! Odysseus hat sich die Ohren gar nicht verstopft. Bei Homer steht, er hätte sich nur an den Mast seines Schiffes fesseln lassen und seiner Mannschaft befohlen sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen. Er wollte den verführerischen Gesang der Sirenen sehr wohl hören! Er wollte ihnen nur nicht verfallen. Vielleicht ist diese seine Haltung auch für uns die noch Anstrebenswertere- doch die Augen und die Ohren nicht verschließen, doch hinhören, doch hinschauen, egal wie präventiv Schlimmes uns da erwartet – hinschauen hinhören und dann: handeln!

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