Nicht wählen ist auch keine Lösung – Heribert Insam, Innsbruck

Nicht wählen ist auch keine Lösung

Heribert Insam, Innsbruck

Die heutige Kundgebung sollte die bevorstehende Wahl zum Europäischen Parlament in den Vordergrund rücken, nach den Ereignissen der vergangenen Tage erachte ich es als notwendig, auch dazu noch einige Worte zu verlieren. Vorerst sind wir froh, dass wir nicht weiterhin damit beschäftigt gehalten werden, farbliche braun-Nuancen zwischen FPÖ, Identitären und Neonazis zu sortieren.

Ich wollte Kanzler Kurz mit den Worten von Daniel Kehlmann fragen, ob er sich darüber klar ist, dass künftige Geschichtsbücher ihn als den bewahren werden, der es einer rechtsextremen Partei ermöglicht hat, diesem Land in seinem äußeren Bild und inneren Gefüge Schaden zuzufügen, der sobald nicht mehr in Ordnung zu bringen ist.

Und dass er jung genug sei, dass er dies selbst noch in den Geschichtsbüchern werde lesen können. Seit Sebastian Kurz am Samstag nach ohrenbetäubendem Schweigen endlich die Koalition aufgekündigt hat, und seit die blaue Ministerriege zurückgetreten ist, wähnen wir uns als Sieger. Es waren jedoch nicht unsere Kundgebungen, und unsere Federn und Worte und Schreie und Lieder die zum Ende der türkisblauen Regierung geführt haben.

Das Mittelfeld hat gefehlt, der Angriff war zu schwach, und schließlich war es ein Eigentor, das uns ans Ziel gebracht hat. Für die Zukunft, und das wird schon der kommende Wahlkampf sein, müssen wir das Mittelfeld stärken und den eigenen Angriff. Dazu jedoch später. Wir wenden uns zur Europawahl.

Ich brauche an diesem Ort nicht zu appellieren, wen ihr wählen sollt, ich möchte aber einige Themenfelder herausheben, bei denen ich mich auszukennen denke, und die auch für unsere zukünftige Arbeit und Argumente wichtig sein werden: die Gerechtigkeit, die Klima- und Umweltpolitik und neue Technologien. 2 Mit der Gerechtigkeit anzufangen macht mir deshalb Spaß, weil ich früher Verhaltensforscher werden wollte.

Und da gab‘s von Frans de Waal die tollen Versuche mit den Bonobos, einer Affenart, denen für bestimmtes Verhalten eine Belohnung gegeben wurde, entweder ein Gurkenstück oder eine süße, viel begehrtere Weintraube. Die zwei Affen beobachteten sehr genau, welche Belohnung der jeweils andere für das gleiche Kunststück bekam.

Nach nur wenigen Malen Vorteilnahme des Einen, der immer eine Weintraube bekam, während der andere mit einer Gurke abgespeist wurde, reichte ersterer diese seine Traube an den Benachteiligten. Empathie und Gerechtigkeitssinn ist also schon bei Affen ausgeprägt, und sitzt auch beim Menschen tief im Unterbewusstsein.

Die Gerechtigkeitsklaviatur wird von den Rechtspopulisten perfide gespielt, indem materielle Habenichtse gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen von den Affen lernen und die GerechtigkeitsKlaviatur so virtuos bedienen, dass diejenigen, die viele Trauben bekommen, Politiken unterstützen, die die Trauben besser verteilen. Denn nur eine gerechtere Welt ist eine sichere Welt, eine Welt, in der jeder, arm oder reich, unbekümmert leben kann.

Als Stichworte dazu fallen mir hier ein, dass Großkonzerne weniger Steuern zahlen als kleine Unternehmer. Das konservativ-neoliberal regierte Europa tut nichts dagegen. Da Europa keine Steuerhohheit hat, unterbieten sich einzelne Mitgliedsländer bei den Unternehmenssteuersätzen. Erbschaften und Vermögen werden in erbschafts- und vermögenssteuerfreie Länder verschoben.

Bezahlen müssen das überall die Erwerbstätigen, denen man nicht einmal halbe Feiertage gönnt, obwohl die Produktivität durch Automatisation, Robotik, künstliche Intelligenz und was weiß ich sonst noch stetig ansteigt. Ich habe den Eindruck, man möchte den arbeitenden Teil der Bevölkerung ständig so beschäftigt halten, dass er keine freien Valenzen findet um zu Kundgebungen zu gehen oder sonst auf den Gedanken kommt, sich politisch zu betätigen.

Oder geht es um eine beschleunigte Bereicherung einer Elite, oder gar darum, dass jene, die noch arbeiten die zunehmende Anzahl an Erben, Privatiers und Kuponschneidern erhalten müssen? Letztere haben ja genug Zeit, sich um Politik zu 3 kümmern und solcherart für ihre dauerhafte Alimentation zu sorgen. Sie reden uns ein, dass es gerecht und leistungsorientiert sei, für arbeitsloses Einkommen 25% Steuern, fürs Arbeiten aber 40 oder mehr Prozent Steuern zahlen.

Damit ist noch gar nichts über die soziale Ungerechtigkeit der Konsumsteuern (Mehrwertsteuer) gesagt. Oder die anstehende Privatisierung des Wassers. Also hier klug die Klaviatur des Gerechtigkeitssinnes spielen! Aber weg von solchen Kleinigkeiten zu einem Thema, bei dem ich mich jetzt wirklich auskenne. Den globalen Kreislauf des Kohlendioxids, der heute oft mit dem beschönigenden Begriff des Klimawandels in Verbindung gebracht wird.

Es ist nicht der Klimawandel, es ist die schnelle Erderwärmung, die uns Sorge bereiten sollte. Zu Zeiten meines Studiums in den 1980er Jahren arbeitete ich über Bodenatmung, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) aus Böden, Ackerböden, Waldböden, Grasland. Der atmosphärische Hintergrund waren damals 350 parts per million (ppm) CO2, heute liegen wir bei fast 420 ppm. Das tückische am CO2 ist, dass es das kurzwellige Licht der Sonne durch die Atmosphäre zur Erde gelangen lässt, die langwellige Rück-strahlung jedoch auf der Erde zurückgehalten wird, wie in einem Glashaus.

Deshalb wird es bei uns auf der Erde wärmer. Das zusätzliche CO2 kommt, wie alle wissen, aus fossilen Speichern, Kohle, Erdöl, Erdgas. Weiteres CO2 wird durch die Abholzung von Wäldern frei, und durch die Intensivierung der Landwirtschaft, meinem Forschungs-gebiet. Böden, die mit Kunstdüngern gedüngt werden, verlieren CO2 aus deren Humus. Dazu kommt, dass alleine für die Erzeugung des Stickstoffdüngers ein ganzes Prozent des Weltenergieverbrauches verheizt wird.

Bisher haben uns die Ozeane geholfen, dass das CO2 nicht allzu drastisch ansteigt, sie wirken eine Zeitlang als Pufferspeicher weil sich CO2 in Wasser löst. Schon durch die 420 ppm steigt aber die Temperatur auf der Erde an, ca. 1 Grad bisher. Zeitverzögert erwärmt sich auch das Meer, wärmeres Wasser kann jedoch weniger CO2 speichern. Böden in den weiten Tundren Sibiriens und Kanadas tauen auf, dort bekommen Mikroorganismen die Chance, metertiefe Humusschichten, die sich über Jahrtausende gebildet haben, abzubauen und dadurch 4 ebenfalls CO2 freizusetzen.

Die Temperatur wird immer schneller steigen! Bis zu 5° C werden in den schlimmsten Szenarien bis zum Ende des Jahrhunderts erwartet. Polkappen schmelzen, die Albedo wird verringert, die Temperatur steigt noch schneller, der Meeresspiegel steigt. Ihr habt von den möglichen Auswirkungen gehört. An dieser Stelle will ich aber nicht entmutigen. Ihr erinnert euch an das Waldsterben, das vom Sauren Regen aus Industrieabgasen und landwirtschaftlichen Ammoniakquellen verursacht wurde. Weltweit wurden in den 1980er Jahren Maßnahmen ergriffen, und die haben gewirkt. Ihr erinnert euch an das Ozonloch, dass die gefährliche UV-Strahlung an der Erdoberfläche ansteigen ließ, durch weltweite Verbote der verursachenden Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe konnte das Ozonloch eingedämmt werden.

Auch für das CO2 hat die Wissenschaft Lösungen, die müssen aber jetzt in Angriff genommen werden. Heute sind wir jedoch weltweit mit einer Politik konfrontiert, die entweder die menschgemachte Erderwärmung leugnet, oder einer solchen, denen die Lobbys der Agrar- und Autoindustrie wichtiger sind als das Wohlgedeihen der nächsten Generationen. Gerade in Österreich werden die Klimaschutzabkommen ignoriert, und wir nehmen lieber zehn Milliarden Strafzahlungen bis 2030 in Kauf, statt dass dieses Geld verwendet wird, um einen Vorsprung an Know-How und technologischer Umsetzung zu bewirken. Wie gescheite Umwelttechnologie wirken kann, zeigen Beispiele aus der ganzen Welt, an denen auch Innsbrucker Firmen ganz maßgeblich beteiligt sind.

So ist die Kläranlage Strass im Zillertal weltberühmt, da sie die erste Kläranlage weltweit war, die mehr Energie produziert als sie verbraucht. Mit dazu beigetragen hat ein Patent der Universität Innsbruck, und weltweit werden jetzt Kläranlagen damit umgebaut. Auch jene in Washington, D.C. Jedes präsidentiale piece of shit wird somit mit Innsbrucker Technologie in Strom verwandelt, wodurch Präsident Trump, obwohl Leugner der menschgemachten Erderwärmung, zum Klimaschützer wird.

Legistische Weichenstellungen durch kluge Politiker, die es verstehen, wissenschaftliche Erkenntnisse nutzbar zu machen, können viel bewirken. Kerosinsteuer, Steuern 5 auf den Ressourcenverbrauch (Erdöl, Erdgas, Kohle, Phosphor, Landschaft etc. ), natürlich im Austausch gegen Entlastung der Steuern auf Arbeit oder die ausschließliche Förderung biologischer Landwirtschaft sind nur einige Stichworte die mir hier einfallen.

Wenn eine CO2-Steuer in Schweden und in der Schweiz möglich ist, und in Deutschland gerade diskutiert wird, sollte das doch auch bei uns oder europaweit möglich sein! Oder lernt man sowas bei uns nicht als Volkswirt, Betriebswirt und Jurist? Vielleicht wird sich das ändern, wenn an der Uni Innsbruck fächerübergreifend ein Studium für Nachhaltigkeit eingeführt wird.

Morgen 11:30 übrigens Fridays4Future Demonstration! Die Vielzahl der Vorträge heute abend verbietet mir, vertiefend auf Themen wie künstliche Intelligenz, Robotik und insbesondere auf eine Technologie der Zukunft, nämlich die Verwendung der Genschere CRISPR/Cas9. Mit dieser Genschere ist es möglich, Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen Eigenschaften zu verpassen, die uns sehr nützlich sein können. Wir werden uns dieser Technologie nicht entziehen können, ob wir es wollen oder ablehnen.

Die sind Themen, die sich keine der wahlwerbenden Parteien auch nur anzuschauen getraut. Diese Themen werden uns in den kommenden Jahren beschäftigen und es gilt, Vertreter im europäischen und den nationalen Parlamenten zu haben, die diese Dinge verstehen, vermitteln können und einer einseitigen wirtschaftlichen Nutzung entziehen. Wie beim Wasser dürfen wir eine Privatisierung des genetischen Codes von Pflanzen, Mikroorganismen, Tieren und Menschen nicht zulassen.

Denjenigen, die glauben, dass wir kleine Österreicher in der großen EU-Bürokratie untergehen, sei ins Stammbuch geschrieben, dass wir in Europa nie wieder so viel mitreden werden können wie unter den derzeitigen Vertragsverhältnissen. Als kleines Land haben wir die gleiche Stimme im Rat wie die großen Länder. Im Parlament haben wir 18 Vertreter, während das zehnmal so große Deutschland nur fünfmal so viele Vertreter dort sitzen hat.

Stärken wir also die proeuropäischen Parteien, aber wählen sie von diesen keine, die 1000 EU-Verordnungen streichen will (denn dann brauchen 6 wir nämlich 27.000 nationale Verordnungen), wählen Sie eine Partei die etwas gegen die Erderwärmung unternehmen will, der Gerechtigkeit einen neuen Spin gibt und bereit ist, der Wissenschaft Glauben zu schenken. Kein Alkohol ist auch keine Lösung, sangen die Toten Hosen, und die Verunsicherten beschwöre ich:

Nicht wählen ist auch keine Lösung! Hier möchte ich noch ein paar Worte verlieren zu einem meiner Forschungsgebiete, das sich mit der biologischen Vielfalt in Böden und Bioreaktoren befasst. Diese werden resistenter und resilienter, also weniger störungsanfällig, wenn die mikrobielle Vielfalt größer ist.

Genau das Gleiche gilt für unsere Gesellschaft, bunt und vielfältig muss sie sein, um den Herausforderungen der Zukunft standhalten zu können. Ich möchte gar sagen, es braucht ein paar Konservative, es braucht ein paar Rechtspopulisten, so wie es Veganer braucht und Friedensbewegte und Atomkraftgegner, Kommunisten und Sozialisten, auch Wirtschaftsliberale.

Vor Allem den Dialog untereinander braucht es, mit einer freien Presse und eine nicht durch Finanzkraft einseitig gesteuerte Demokratie. Im Hinblick auf die Nationalratswahlen bitte ich sie, werden Sie aktiv, werben sie mit Heimatliebe, denn uns ist die Heimat genauso Heimat wie den Türkisen und den Blauen und den Zillertaler Schürzenjägern, und helfen Sie mit, das in eine Sprache zu übersetzen, die von den Menschen im Ötz-, Pitz-, Stubai- und Zillertal und sonstigen Gegenden genauso verstanden wird wie in unserer geliebten ‚Weltstadt‘ Innsbruck. Lasst uns viele Mittelfeldspieler suchen, einen guten Angriff aufbauen und wieder selber Tore schießen.

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